Wenn Großeltern die Regeln der Eltern unterlaufen, entsteht in der Familie ein stilles Beben, das sich oft erst dann als wirklich gefährlich erweist, wenn der Jugendliche längst gelernt hat, beide Seiten gegeneinander auszuspielen. Genau das ist kein Einzelfall – Familientherapeuten berichten, dass dieser Konflikt zu den häufigsten und gleichzeitig am schwersten lösbaren Dynamiken in Drei-Generationen-Familien gehört.
Wenn Oma und Opa die Eltern untergraben
Es beginnt oft harmlos: Die Großeltern erlauben dem Enkel ein zweites Stück Kuchen, obwohl die Eltern auf Ernährung achten. Dann kommt das Handy am Tisch dazu, das Zuhausebleiben trotz vereinbarter Ausgangssperre, die abfällige Bemerkung über den „zu strengen“ Erziehungsstil der eigenen Tochter – und plötzlich ist aus einem Generationsunterschied ein echter Machtkampf geworden. Das Problem liegt selten im einzelnen Moment, sondern in der Wiederholung und in der Botschaft, die dahintersteckt: dass die elterliche Autorität verhandelbar ist.
Für einen Jugendlichen, der ohnehin gerade dabei ist, Grenzen zu testen und Autonomie zu erkunden, ist das eine Einladung. Nicht aus Bosheit – sondern weil Teenager von Natur aus dort Luft suchen, wo Risse im System sind. Wenn Oma und Opa bereitwillig die Lücke füllen, die die Eltern bewusst offen gelassen haben, lernt das Kind: Regeln sind nicht fest, sondern eine Frage davon, wen man fragt.
Warum Großeltern das tun – und es trotzdem schadet
Es wäre unfair, die Großeltern einfach als Störenfriede darzustellen. Oft steckt da eine tiefe emotionale Logik dahinter: Sie lieben ihren Enkel bedingungslos, und das Verwöhnen fühlt sich für sie wie eine Liebesgabe an. Manche erleben auch unterschwellig, dass sie durch den Enkel eine zweite Chance bekommen – Fehler der eigenen Elternzeit wiedergutzumachen oder einfach mehr Zeit und Wärme zu geben, als es der Alltag damals erlaubte.
Dazu kommt ein häufig übersehener Aspekt: Wenn Großeltern die Erziehungsmethoden der Eltern vor dem Kind offen kritisieren, beschädigen sie nicht nur die elterliche Autorität – sie destabilisieren das Sicherheitsgefühl des Jugendlichen selbst. Kinder und Jugendliche brauchen das Gefühl, dass die Erwachsenen in ihrem Leben grundsätzlich einer Meinung sind, selbst wenn sie im Detail unterschiedlicher Ansicht sind. Forschungen im Bereich der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Jugendliche in Familien mit klaren, konsistenten Grenzen langfristig emotional stabiler sind als in solchen, in denen Erwachsene gegeneinander arbeiten.
Der Jugendliche als unfreiwilliger Schiedsrichter
Was auf den ersten Blick wie clevere Taktik aussieht – Oma anrufen, wenn Papa Nein gesagt hat –, ist für den Jugendlichen auf Dauer eine erhebliche Last. Kinder, die lernen, Erwachsene gegeneinander auszuspielen, zahlen dafür einen inneren Preis: Sie wachsen in einem System auf, das keine verlässliche Orientierung bietet. Das kann sich in Angstzuständen, Grenzproblemen im späteren Leben oder Schwierigkeiten in der eigenen Beziehungsgestaltung zeigen.
Gleichzeitig ist der Jugendliche nicht der Verursacher des Problems – er reagiert lediglich auf eine Struktur, die die Erwachsenen selbst geschaffen haben. Die Verantwortung, diese Struktur zu verändern, liegt ausschließlich bei den Erwachsenen.

Was Eltern konkret tun können
Der erste und schwierigste Schritt ist das Gespräch – nicht in Anwesenheit des Kindes, nicht im Streit, und idealerweise nicht in dem Moment, in dem gerade wieder eine Grenze übergangen wurde. Eltern sollten das Gespräch mit den Großeltern suchen, wenn die Lage ruhig ist, und klar benennen, welches Verhalten konkret problematisch ist – ohne Vorwürfe, aber mit Deutlichkeit.
- Klare Vereinbarungen treffen: Welche Regeln gelten auch bei den Großeltern? Was darf abweichen, und was ist absolut nicht verhandelbar? Diese Grenzen sollten schriftlich oder zumindest sehr konkret mündlich festgehalten werden.
- Die Großeltern einbeziehen, nicht ausschließen: Wer das Gefühl hat, in Entscheidungen einbezogen zu werden, muss sich nicht durch Regelbrüche Gehör verschaffen. Ein regelmäßiger Austausch über den Jugendlichen – seine Stimmungen, seine Bedürfnisse, seine Entwicklung – kann die Großeltern zu Verbündeten machen.
Wenn das Gespräch allein nicht reicht
Es gibt Situationen, in denen der Konflikt so tief verwurzelt ist, dass er die Grenzen eines normalen Familiengesprächs übersteigt. Das ist kein Scheitern – es ist ein Signal, dass professionelle Unterstützung sinnvoll wäre. Familientherapie ist in solchen Konstellationen kein letzter Ausweg, sondern ein kluges Werkzeug: Ein neutraler Dritter kann helfen, festgefahrene Muster zu benennen, ohne dass sich eine Seite persönlich angegriffen fühlt.
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Systemische Familientherapeuten arbeiten in solchen Fällen oft mit allen drei Generationen – manchmal getrennt, manchmal gemeinsam. Ziel ist nicht, Schuldige zu benennen, sondern das System als Ganzes zu verstehen und zu verändern.
Was der Jugendliche braucht – jetzt
Während die Erwachsenen ihren Konflikt klären, braucht der Jugendliche eines vor allem: das Gefühl, dass er nicht zwischen den Fronten steht. Eltern sollten offen – aber ohne den anderen schlechtzumachen – ansprechen, dass es gerade Uneinigkeit gibt, und gleichzeitig klar machen, dass die eigenen Regeln weiterhin gelten. Keine Entschuldigung, keine Endlosdiskussion, aber auch keine Stille, die das Kind ratlos lässt.
Denn am Ende ist das, was eine Familie durch solche Phasen trägt, nicht die Abwesenheit von Konflikten – sondern die Fähigkeit der Erwachsenen, trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Das ist die eigentliche Erziehungsleistung, die bleibt.
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